Aus: Adolf Grimme Institut - Umwelt und Entwicklung / Lesebuch zur Erwachsenenbildung ISBN 3-88513-997-9 |
EIN HÄUSCHEN IM SCHWARZEN
ANSIEDLUNG VON KLEINBAUERN IM TROPENWALD
"Ich hasse diesen Wald, sieh nur wie grün er ist - und was läßt er uns? Den ganzen Boden macht er uns kaputt, nimmt alle Nährstoffe für unsere Pflanzen weg - ich hasse diesen Wald!" antwortet mir José auf meine Frage nach den Ergebnissen der letzten Ernte. Dann starrt er, auf seine Hacke gestützt, eine Weile zu dem endlos wuchernden Grün das uns umgibt und murmelt leise vor sich hin. Tonlos fordert er uns auf, ihm durch eines seiner Felder zu folgen. alle paar Meter zeigt er auf eine kleine grüne Melone die zwischen verkohlten Baumstämmen und Gestrüpp wächst. Meine erste Frage ist anschaulich beantwortet und die zweite - nach den Arbeitsverhältnissen - haben die Moskitos, auf die ich unablässig an Armen und Beinen einschlage, zweifelsfrei geklärt.
José ist vor etwa 13 Jahren mit seiner Familie aus dem Süden Brasiliens, aus Santa Catarina, in den Norden gezogen. Landwirtschaft hat er dort schon betrieben. Auf dem Hof seiner Eltern ist er gross geworden und hat später den Betrieb vom Vater übernommen. Lange ist es ihnen gut gegangen, dort unten im Süden. Das Klima war angenehm, die Erträge besser - eine zufriedene Familie waren die Alves'
Anfang der 70iger, als die Preise plötzlich in die Höhe schnellten, hatten sie mit dem Soja-Anbau begonnen. Vom Staat durch günstige Kredite subventioniert, brachte der intensive Anbau hohe Gewinne und bald konnten sie sich einen Fernseher und ein eigenes Auto leisten. Ein paar Jahre lief alles wunderbar. Dann fielen die Preise, die Kosten für Dünger und Pestizide aber stiegen. Sie mußten neue Darlehen aufnehmen, um die Kredite für den Traktor zurückzahlen zu können. 1976 brach alles zusammen. wie viele andere auch mußten die Alves', wegen immer weiter fallender Preise und immer intensiverem Chemie-Einsatz hochverschuldet, ihre Betreib an einen Großgrundbesitzer abgeben.
"WIR MACHEN DIE GRÖßTE AGRARREFORM DER WELT"
Mehr als 300.000 Kleinbauern wurden in dem Zeitraum zwischen 1970 und 1980 im Süden Brasiliens landlos. Inzwischen besitzt 1% der Bevölkerung Brasiliens 45%
der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche und erhält 40% aller Kredite. Da der Staat lange Zeit Gewinne aus der Landwirtschaft so gut wie garnicht besteuerte,
schafften sich viele reiche Brasilianer Farmen an, um Abschreibungen zu tätigen. Kauften über die Farmen Autos und Privatflugzeuge, mehrten Macht und Kapital.
Den kleinen Leuten erschwerte diese Entwicklung den Zugang zu Land, und eine regelrechte Völkerwanderung setzte ein. Mehrere Millionen Menschen wanderten in
die Slums der Großstädte oder nach Amazonien ab. Weil sich die damalige Regierung scheute, in den Regionen, in denen es notwendig gewesen wäre, Agrarreformen
durchzuführen, wurden als Sicherheitsventil Kolonisationsgebiete in Amzonien für landlose Bauern geöffnet. Unter dem Slogan: "Wir machen die größte Agrarreform
der Welt" wurden allein bis 1984 über 40.000 Familien im Rahmen des Polonoroeste-Programms im Bundesstaat Rondônia angesiedelt. Kleinbauern, die durch
exportorientierte Riesenmonokulturen, besonders Soja, für die Aiftürmung von Fleisch- und Butterbergen in den Industrieländern landlos gemacht worden waren,
sollten hier eine neue Existenz finden. Millionen von Menschen, für unsere Schweine und Rinder in den Regenwald getrieben, die einen künstlich erzeugten
Bevölkerungsdruck auf den Regenwald Amazoniens ausüben. Nur allzu gerne werden sie für den Großteil der bisher schätzungsweise 400.000 km² (etwa 10% der
Gesamtfläche) zerstörten Regenwaldes in Brasilien verantwortlich gemacht.
Als die Alves' 1978 nach Rondônia kamen, waren die zum Ackerbau geeigneten Flächen schon überwiegend besetzt. Wilde Ansiedlungen, Brandrodungen und
Landkonflikte mit Großgrundbesitzern gehörten zur Tagesordnung. Die versprochene Beratung durch Fachkräfte des gegen landwirtschaftliche Großprojekte gerichten
Polonoroeste-Programms, das die Kleinbetriebe und die Selbstversorgung auf günstigen Böden födern sollte, blieb dauerhaft aus. Die meisten wirtschafteten so
weiter, wie sie es im Süden gelernt und praktiziert hatten. Nur waren die Ernteerfolge im Norden viel geringer und die Arbeit sehr hart. So gaben viele schon
nach zwei Jahren wieder auf. `Gut soŽ möchte man aus unserer Sicht fast sagen, aber wo sind diese Menschen jetzt ... ?
"ARMUT IN DER FÜLLE"
Obwohl in Zentral-Rondônia die Bodenbeschaffenheit aufgrund vulkanischen Untergrundes als für die Landwirtschaft günstig dargestellt wird, herrschen auch
dort tatsächlich annähernd dieselben Voraussetzungen wie in anderen Tropenwaldregionen.
Die Üppigkeit des Pflanzenwachstums in gleichzeitig mehreren Stockwerken suggeriert paradiesisches Wachstum. Überdimensional große Blätter, übertrieben aufgedunsen
scheinende Früchte, das Nebeneinander von welkem Laub, Knospen, Blüten sowie Früchten - im Extremfall sogar auf demselben Baum! - zeugen von enormen Stoffumsätzen.
Dieser Wald scheint immerzu zu wachsen. Doch die Vorstellung von der überquellenden Fruchtbarkeit des amazonischen Regenwaldes ist ein Trugschluss. Warum sonst
sind die Regenwaldgebiete größtenteils von jeher nur dünn besiedelt gewesen (1-2 Einwohner/km²) und die Tierwelt hauptsächlich auf Kleinspezies wie Insekten
und Vögel beschränkt? Haben wir es hier nicht vielmehr mit einer "Armut in der Fülle" zu tun?
Trotz hoher Stoffumsätze ändert sich die Gesamtbiomasse des Waldes kaum; es herrscht ein Gleichgewicht zwischen Aufbau und Abbau. Der Regenwald produziert nur
für sich selbst und kann nichts abgeben. Nährstoffe werden nicht gespeichert, sondern sofort verbraucht. Doe mineralischen Nährelemente gehen nicht, und das
ist der fundamentale Unterschied zu den Verhältnissen in den gemäßigten Breiten, in ein großes Nährstoffreservoir im Boden zurück, wo sie zur Bildung von Humus
beitragen, sondern gleich wieder in den lebendigen Teil des Kreislaufes, die nächste lebende Pflanze. Das abgestorbene pflanzliche Material verottet oberflächlich
so schnell, dass es garnicht zur Humusbildung kommt. Die Nährstoffe zirkulieren in gut geschlossenen Kreisläufen. Es werden keine Reserven im Boden gebildet.
Und genau hier liegt das Problem für jegliche Art agrarischer Nutzung!
Tropische Pflanzen sind "Eigenversorger". Ssie leben in Symbiose mit Wurzelpilzen (Mycorrhiza), welche die eigentlichen Nährstoffträger sind. In ihrer Funktion
als "Nährstofffalle" schließen sie organische Substanz auf und fangen Nährelemente aus der durchsickernden Bodenlösung auf.
Eingriffe durch Rodung und Abbrennen haben katastrophale Folgen. Sobald dieser Kreislauf unterbrochen wird, sterben die einzigen Nährstoffträger, die Wurzelpilze,
ab und die Nährstoffe werden von den hohen Niederschlägen schnell ausgewaschen. Auch wenn der in der Biomasse gehortete Nährstoffvorrat nach dem Abbrennen noch
eine Weile in der Asche als Mineraldünger erhalten bleibt, ist spätestens nach 2-3 Ernten mit einem gravierenden Ertragsrückgang zu rechnen. Denn generell leben
Kulturpflanzen nicht symbiotisch mit Wurzelpilzen und sind daher auf das arme Nährstoffangebot aus den Böden angewiesen. Die Zugabe von Düngemitteln kann die
"nachschaffende Kraft des Bodens" nicht wieder herstellen, da sie aufgrund mangelnder Speicherfähigkeit des Bodens wieder ausgewaschen wird. Ein einmal
abgebrochener Mineralstoffkreislauf zerstört den Regenwald auf dieser Fläche für immer und hinterläßt vollkommen degradierte Böden.
Viele Brasilianer fragen sich, warum denn die Industrieländer so viel Angst vor der Zerstörung des Regenwaldes haben? Schließlich hätten wir ja auch alle unsere
Wälder abgeholzt, um die Entwicklung voranzutreiben. So unrecht haben sie damit nicht, nur verhält es sich mit dem Regenwald ökologisch vollkommen anders als
mit unseren Laubwäldern. Mit dem Abholzen von Regenwald gehen alle Nährstoffträger in diesem Gebiet verloren. Folgerichtig läßt sich daraus der Schluss ziehen,
dass ein Regenwald nicht ohne weiteres wieder aufforstbar ist.
Um das System funktionstüchtig zu erhalten, ist ein geschlossener, großflächig ausgebildeter Wald notwendig, der als schützender Filter (hohe Einstrahlungs-
und Niederschlagsintensität) und als Produktionssystem wirkt. Dies gilt auch für eine landwirtschaftliche Nutzung, sofern sie möglichst naturnah und möglichst
kleinflächig in das Regenwaldsystem eingepaßt ist.
"ENTWEDER ARMUT ODER UMWELT"
Unter der Landbevölkerung jedoch, und zu dieser zählt auch unser José, herrscht die Meinung, dass man viel Boden besitzen muss. Das gesellschaftliche
Ansehen steigt weiter, wenn auf diesem Land zusätzlich viele Rinder weiden, auch wenn sie auf dem kärglichen Boden so wenig nährstoffreiches Futter finden,
dass sie selbst bei einer extensiven Haltung von 1 Tier auf 2 ha nicht über das Erscheinungsbild einer jämmerlichen Kreatur hinauswachsen. Mti einer Produktivität
von 30 bis 40 Kilo Fleisch pro ha und Jahr ist die Viehhaltung ökonomisch gesehen vollkommen unsinnig (600kg/ha in Europa) und ursächlich für die größte
Verwüstung.
José und seine Familie, für die Hunger nicht nur ein abstrakter Begriff ist, kann sich über solche Zusammenhänge keine weitschweifenden Gedanken machen.
Über Umweltschutz läßt sich nur mit vollem Bauch gut reden. Bei vielen brsailianischen Kleinbauern knurrt der Magen aber so laut, dass sie die Hilferufe der
wohlgenöhrten Umweltschützer aus den Industrieländern oft nicht hören - alles ökologische Engagement in Ehren.
Zusätzlich haben die entwurzelten Umsiedler aus dem Süden nie gelernt, mit der speziellen Problematik der Landwirtschaft in Tropenwäldern umzugehen. Fachliche
Beratung hat bisher nie in sinnvoller Form stattgefunden. José, der zunächst begonnen hatte, eine Fläche von 250 ha zu roden und mit Kaffee zu bepflanzen,
läßt diese Plantage nun verwildern. Zwar waren kurzzeitig vertrebare Ernten erwirtschaftet worden, aber inzwischen ist der Boden so ausgelaugt, dass selbst
mindere Qualitätenfür den einheimischen Markt nicht mehr gewinnbringend geerntet werden können. Nur ein Beispiel für 250 ha Regenwald, die für die Illusion
einer landwirtschaftlichen Existenz sinnlos niedergemacht wurden. Die finale Bestimmung dieser Fläche ist heute schon abzusehen: zuerst verwildern lassen, dann
abbrennen und möglichst gewinnbringend an einen Großbetrieb zur Viehhaltung zu verkaufen. Wobei wir wieder der sinnlosesten, aber statusträchtigsten Nutzung
tropischen Regenwaldes angekommen wären. Natürlich muss Josés Familie zum Subsistenzanbau in Zukunft weitere Flächen roden. Und wenn nicht bald tatsächlich
eine wirksame fachliche Beratung einsetzt, ist die weitere Entwicklung dieser Regenwaldfläche ebenfalls vorprogrammiert.
Die theoretischen Ziele aller Verplaner des Regenwaldes sind hoch gesteckt, aber immer auf Ausbeutung eines Kreislaufsystems ausgerichtet, das Drainagen nicht
verkraftet. Sie unterliegen wirtschaftlichen Interessen, und die lassen sich bekanntlich nur schwer mit ökologischen und humanitären Aspekten vereinabren.
"KOKETTERIE - INTRIGEN - KORRUPTION"
Seit gut 2 Jahren ist nun das Programm Planafloro damit beschäftigt, den Fortbestand des amazonischen Regenwaldes in Rondônia mit gleichzeitigen
Nutzungsmöglichkeiten in Einklang zu bringen. Die Schizophrenie der Brasilianer im Umgang mit der Ressource Regenwald spiegelt auch dieses Programm wieder.
Zwar kokettieren die Verantwortlichen mit der Weltbank um 250 Mio US-Dollar, die immerhin 73% des Etats ausmachen sollen, andererseits intrigieren Nationalisten
gegen internationale Einmischung. Selbst die brasilianische Regierung soll durch einen "Codigo Amazonica" aus dem Entscheidungsprozeß über die Zukunft des
Regenwaldes ausgeschlossen werden. Eine Forderung von Gilberto Mestrinho (Gouverneur des Bundesstaates Amazonas), die auch vom Gouverneur Rondônia's,
Oswaldo Piana, unterstützt wird. Einheimische Umweltgruppen weisen auf die Gefahr hin, dass, wie auch bei anderen Finanzierungen, ein Großteil des Geldes im
Dschungel brasilianischer Politik durch unfähige Bürokratie und Korruption versickert. Vertreter der deutschen Regenwald-Kampagne äußern zusätzlich Bedenken,
dass letztendlich die forstwirtschaftliche Nutzung auch zur Zerstörung führt.
Die Kausalität zwischen Armut und der Vernichtung tropischer Regenwälder ist evident. Sicher ist aber auch, dass es sich nicht nur um ein hausgemachtes Problem
handelt, sondern die wirtschaftlichen Intressen der "Geberländer" ganz entscheidend zu dieser Entwicklung durch entsprechende "Hilfe" beigetragen haben. Wir
müssen begreifen, dass wir Mitinitiatoren und Nutznießer der Vernichtung des tropischen Regenwaldes sind und eher Selbstbeschränkung lernen sollten, als unser
Gewissen freizukaufen. Mahr als jemals zuvor ist gerade nach UNCED das bilaterale Gespräch auf nationaler Ebene - zwischen Politikern und den verschiedenen
Interessengruppen der Industrienationen - gefordert. Heute noch politisch als unliebsam klassifizierte Notwendikeiten zur Rettung des blauen Planeten - wie
etwa die drastische Reduzierung des Individualverkehrs - müssen transparenter gemacht und für jedermann nachvollziehbar dargestellt werden. Einsicht `von untenŽ
ist gefragt, auch wenn sie für `die obenŽ nur sehr arbeitsintensiv und gegen die massiven Interessen mächtiger Lobbies zu vermitteln sein wird.
"FAKTEN"
- Sechs Quadratkilometer Urwald enthalten im Durchschnitt 1.500 verschiedene blühende Pflanzen, 750 verschiedene Baumarten, 400 Vogel-, 150 Schmetterlings-, 100
Reptilien-, und 42.000 Insektenarten.
- Im tropischen Regenwald des Amazonas gehen im Jahr pro Quadratmeter zwei Tonnen Wasser nieder. Solange der Wald den Boden schützt, wird auf einem Hektar im Jahr
nur ein Kilogramm Erde fortgespült - auf nacktem Boden sind es dagegen 36 Tonnen.
- Im Jahr gehen nach FAO-Angaben von 1980 rund 11 Millionen Hektar tropischer Regenwald verloren - das ist ein Fußballfeld pro Sekunde. Neuere Untersuchungen lassen
vermuten, dass die Zerstörung noch zugenommen hat - auf bis zu 20,4 Millionen Hektar im Jahr.